Plädoyer für einen inneren Kompass als Basis für nachhaltigen (beruflichen) Erfolg und Glück

In diesem Aufsatz erfahren Sie wie wichtig es ist, einen inneren Kompass, ein GPS auszubilden. Wer Grenzen setzen kann, wer ich weiss, was er/sie braucht und was ihm/ ihr gut tut, schafft die Voraussetzungen für beruflichen Erfolg und Glück schaffen. Einen inneren Kompass braucht man auch je höher man auf der beruflichen Karriereleiter steigt, denn wie Sie wissen, muss man da mit vielen Unschärfen umgehen.

Plädoyer für einen inneren Kompass als Basis für nachhaltigen (beruflichen) Erfolg und Glück

 erschienen bei
Deutsche Gesellschaft für Karriereberatung, online, 25.09.2012, Brigitte Scheidt

Studium, Auslandssemester, die richtigen Praktika, MBA, oder Promotion, Berufserfahrung, wir wissen um den Wert guter Ausbildungen, wie wichtig die richtigen Netzwerke, die richtigen Leute sind. Doch reicht dies für beruflichen Erfolg und Glück?

In einer Zeit, da „richtig und falsch“ oft nicht so einfach zu beurteilen sind, der Umgang mit Unschärfen und Unwägbarkeiten in vielen Jobfeldern eher die Regel denn die Ausnahme ist, fehlt vielfach Orientierung, Wir sind um so mehr auf uns selbst zurück geworfen. Dieser Herausforderung gerecht zu werden, erfordert eigene innere Klarheit und Stabilität, sowohl um den Anforderungen im Job aber auch um uns selbst gerecht zu werden. Nur, wie kommt man zu dieser inneren Klarheit und Stabilität, die uns die Freiheit gibt, weitgehend im Beruf und Leben selbst am Steuer zu sitzen

Aus meiner Beratungstätigkeit weiss ich, wie wichtig es ist, einen eigenen inneren Kompass zu entwickeln, der „uns auch auf hoher See“ leitet. Ihn auszubilden erfordert Zeit und die Bereitschaft, sich mit sich auseinanderzusetzen. Grundsätzlich heißt das, antwortfähig zu werden: zu wissen, wer ich eigentlich bin, was mich ganz speziell auszeichnet. Man kann damit z.B. anfangen zu klären: Was heißt für mich Erfolg, was brauche ich um (beruflich) glücklich/zufrieden zu sein. Die Antworten können sehr unterschiedlich ausfallen. Sie merken schon, es geht primär nicht um das was andere sagen, sondern um die eigenen Kriterien. Im Folgenden möchte ich Sie einladen, meinen Überlegungen zur Notwendigkeit eines inneren Kompasses zu folgen. Die beigefügten Fragelisten verstehen Sie bitte als Anregung wie es um Ihren „Kompass“ steht.

Richtig machen ist nicht das Gleiche wie das Richtige tun

Nicht selten begegne ich in meiner Praxis Führungskräften, die zwar top ausgebildet sind, aber deren Handeln sehr danach ausgerichtet ist, es „recht “, es „richtig“ zu machen. Sie suchen nach richtigen Lösung bzw. sie versuchen das Verhalten zu zeigen, das von anderen (real oder unterstellt) erwartet wird. Solche tief verankerte Muster sind nicht ungewöhnlich, haben doch viele gelernt, dass es Anerkennung für (vermeintlich) erwünschtes Verhalten gibt. Die daraus resultierenden Tendenzen, sich verstärkt abzusichern, zu kontrollieren, keine eigene Meinung zu haben oder sie sich zu verbieten u.ä. fördern im Ernstfall weder gute Entscheidungen noch gutes Führungsverhalten.

Weiterhin orientieren sich Menschen ständig am Außen und haben eine Tendenz sich mit anderen innerlich ständig zu vergleichen. Das strengt an, ohne besonders effektiv zu sein. Vielleicht kennen Sie das? Oft hat man das Gefühl, nur noch zu funktionieren und entsprechend spürt man sich selbst nur wenig. So wird man aber erst recht „ein Blatt im Wind“. Dies mag ja der eine oder andere für sich in Kauf nehmen, auch wenn es oft nicht gut tut, doch leisten kann sich dies auf Dauer kaum jemand.

Denn wir sind nicht nur verantwortlich für unseren momentan beruflichen Erfolg und unser Glück, sondern dafür, dass unsere Arbeitskraft auch noch in zehn, zwanzig oder dreißig Jahren nachgefragt wird.

Erhaltung der employability, der innere Kompass ist auch hier gefragt

Die Teilnahme am Berufs- und Arbeitsleben steht mittlerweile primär in der Verantwortung des Beschäftigten, egal auf welcher Ebene. Auf die Anerkennung von Lebensleistung kann man jedenfalls nicht mehr bauen. Frühere Top Ergebnisse, früherer Einsatz zählen nicht, schnell wird aus einem(r) engagierten leistungsstarken Mitarbeiter (in) ein „low performer“, sei es durch Krankheit, die Märkte, Frustration über eine (erneute) Umstrukturierung im Unternehmen.

Es gibt eben keine Garantie, dass ein einmal gelernter Beruf, ein Arbeitsplatz, den man gut ausfüllt oder die Beschäftigung bei einem bestimmten Unternehmen oder einem bestimmten Arbeitgeber auf Dauer angelegt ist. Wir selbst sind gefordert, für uns zu sorgen und uns immer wieder neu auf wechselnde Anforderungen einzustellen.

Um dieser Verantwortung nachzukommen und zwar so, dass wir „auch in zwanzig Jahren“ noch leistungsfähig sind und nicht „verloren“, brauchen wir Kriterien, müssen Prioritäten setzen und immer wieder unseren Kompass befragen, um handlungsfähig zu bleiben. Natürlich sind wir auch für die Wahrung der eigenen Gesundheit (s.u.) zuständig. An diesem Beispiel kann man die doppelten Anforderungen, denen sich Menschen gegenüber sehen besonders gut deutlich machen.

Stellen Sie sich vor: Sie sind leistungsstark, sind über Jahre ständig an/über Ihre Grenzen gegangen (was ja auch gewünscht war), wollten „gut“, ja „perfekt“ sein. Eines Tages macht Ihr Körper nicht mehr weiter mit, dann heißt es leicht:„hätten Sie doch rechtzeitig was gesagt, hätten Sie doch nein sagen sollen“, selber schuld.

Die folgende Aufzählung gibt einen Eindruck wie hoch die Anforderungen an den Einzelnen sind.

  • (verschiedene) Netzwerke zu pflegen*
  • Grenzen setzen
  • Wahrung der eigenen Gesundheit und Leistungsfähigkeit
  • fachlich up-to-date sein
  • Erlernen neuer Berufe und Aufgaben
  • Generelle Flexibilität, dazu gehört das Sich-einlassen auf neue Abläufe, Prozesse, Menschen
  • loszulassen von Vertrautem/Bewährtem

* eine kleine Auswahl von geforderten soft skills zur Sicherung der employability

Wie entwickelt man seinen Kompass?

Einen eigenen Kompass zu entwickeln bedeutet sich auf eine Entdeckungsreise einzulassen. Die einzelnen Schritte sind individuell anzusetzen, wo jeder steht. Eine konkrete Anleitung, die Übungen enthält, hier zu geben, würde den Rahmen sprengen. Dieser Text gibt Anregungen und dient der Sensibilisierung.

Wie schon eingangs geschrieben, wissen viele gut ausgebildete erfolgreiche Menschen sehr viel, jedoch überraschend wenig darüber, wer sie wirklich sind und was sie ausmacht. Beschäftigt mit „richtig, recht machen, gut sein, perfekt sein keine Fehler machen“, haben sie es bisher verabsäumt, Ihre eigenen Positionen zu sich, zur Welt, zu Ihren Zielen zu erarbeiten. Sie folgen den meist zu Hause gelernten Regeln, „wie man zu sein hat“, was „gut“ und „richtig“ ist. Man könnte sagen, man läuft in fremden Kleidern rum – und zwar ohne es zu merken. Ab und zu gibt es jedoch vermutlich ein diffuses Gefühl, irgendetwas passt nicht. Doch es ist zunächst wenig greifbar. Man muss sich auf die Spur kommen. Dies erfordert innezuhalten, eine ehrliche Auseinandersetzung mit selbst selbst, den eigenen Ressourcen wie den Blockaden. Das ist herausfordernd, denn es geht um Sie als Person.

Ich möchte Sie einladen anhand einiger Fragen selbst zu überprüfen, inwieweit Sie antwortfähig sind, bzw. Lust bekommen es zu werden.

  • Wissen Sie wirklich, was ihnen das Wichtigste in Ihrem Leben ist? Handeln Sie danach? Wie sieht das aus?
  • Wann waren Sie das letzte Mal wirklich zufrieden? Was genau hat sie zufrieden gemacht. Was wollen Sie irgendwann einmal hinterlassen?
  • Wie wichtig ist Ihnen eine sinnhafte Tätigkeit und was bedeutet überhaupt Sinn für sie?
  • Was langweilt Sie? Warum?
  • Womit haben Sie sich arrangiert und warum?
  • Was schätzen Sie an einem Menschen, warum?
  • Was würden Sie in Ihrem Arbeitsbereich nie machen?
  • Was macht Ihnen die größte Angst und warum?
  • Wie verhindern Sie das zu erreichen, was Sie eigentlich wollen?
  • Was machen Sie (mit), obwohl es Ihnen widerstrebt? Warum? Was hindert Sie, das zu ändern?
  • Kennen Sie den Unterschied zwischen wollen und brauchen?

Wenn Sie sich mit solchen und ähnlichen Fragen bereits befasst haben, werden Ihnen die Antworten relativ leicht fallen. Wenn Sie stocken, dann ist dies ein Hinweis, dass hier ein Bedarf an persönlichem Lernen und Entwicklung sein könnte.

Menschen, die ihren Kompass bereits haben, bei denen steht dann eben nicht im Vordergrund

„es richtig“ zu machen, den Erwartungen anderer zu genügen, usw. sondern man orientiert sich an den Erfordernissen der jeweiligen Situation, (in ihrem kontextualen und organisatorischem Umfeld). Man weiß in der Regel um die Erwartung anderer, um die Möglichkeit einen Fehler zu machen usw. Dies alles wird einbezogen, ohne davon beherrscht zu werden. Ziel ist es, adäquat zu handeln, das Richtige zu tun (s.o.) Man könnte sagen, es handelt sich um eine andere Haltung zur Welt. Sie gibt die Freiheit, verantwortungsvoll mit den eigenen Spielräumen umzugehen. Dazu bedarf es u.a. verschiedener Fähigkeiten (soft skills). Die folgenden Fragen mögen eine Idee vermitteln, welche persönlichen skills dazu beitragen.

  • Fällt es Ihnen leicht, in Ihrem Arbeitsfeld eine eigene Meinung zu vertreten? Wann haben Sie das zuletzt getan? Wie sah das aus?
  • Betrachten Sie Situationen aus verschiedenen Blickwinkeln (Mehrfachperspektivität einnehmen) Geben Sie ein Beispiel.
  • Fällt es Ihnen schwer/ leicht mit Menschen, die eine andere Meinung vertreten als Sie selbst umzugehen? Was fällt Ihnen schwer/leicht?
  • Fällt es Ihnen leicht in die Schuhe des anderen zu schlüpfen (wie würde es mir ergehen, wenn ich an Stelle meines Gegenüber wäre?) Wann haben Sie das zuletzt letzten getan? Wie ging es Ihnen damit?
  • Fällt es Ihnen leicht Feed-back einholen und auch kritische Äußerungen stehen zu lassen. Wann haben Sie das letzte Mal von einem Feed-back etwas gelernt ? Was?
  • Wie gehen Sie mit Mehrdeutigkeiten und Unschärfen um? Geben Sie für sich ein Beispiel.
  • Wie entscheiden Sie in der Regel? Fällt es Ihnen leicht/ schwer? Warum?

Sie merken schon, es geht hier darum, sich positionieren zu können, verschiedene Perspektiven einzunehmen, die Sicht anderer verstehen, Unterschiede aushalten zu können, andere Sichtweisen zulassen, zu lernen, was davon zu lernen ist und beiseite lassen, was nicht gut tut. Diese Fähigkeiten erwirbt man durch persönliches Lernen. Sie erlauben einem in Verbindung mit dem Wissen um eigene Werte und Wichtigkeiten, dem eigenen Können und den Wünschen, Entscheidungen zu treffen, die von eigener Überzeugung getragen sind.

Ein solcher innerer Kompass gibt individuellen Freiraum. Er kann und muss immer wieder auf veränderte Berufs- und Lebenssituationen neu angepasst werden.

Für (berufliche) Zufriedenheit und Glück, gibt es keine Garantie, niemand ist vor Schicksalsschlägen gefeit. Doch ein innerer Kompass ermöglicht uns, schwierige Situationen zu bewältigen. Statt getrieben, uns selbst entfremdet, stehen wir am Steuer und können Verantwortung übernehmen. Das kommt unserem Job zu Gute aber nicht zuletzt auch uns selbst.