Erfolg ist das Ergebnis vieler Misserfolge

In diesem Interview, das die Journalistin Ursula Kals für die FAZ mit der Psychologin und Karriereberaterin Brigitte Scheidt geführt hat, erfahren Sie, dass “Scheitern” eine Frage der eigenen, subjektiven Bewertung ist. Zwar ist Scheitern durchaus in der Regel negativ belegt, aber man kann Misserfolge auch positiv verarbeiten und in das Selbst integrieren. Darum ist es wichtig, Misserfolg eben nicht ausschließlich negativ zu werten. In dem Interview geht es um den Umgang mit Scheitern allgemein – und darum, an eigene oder fremde Grenzen zu stoßen. Wenn Pläne nicht aufgehen, besteht die Herausforderung darin, dies als normale menschlichen Erfahrung anzunehmen, sich damit auseinander zu setzen und daraus zu lernen. Gerade im Zusammenhang mit persönlicher Unzufriedenheit im Job, einer stagnierenden Karriere, beim Gedanken an eine berufliche Neuorientierung oder einen Karrierewechsel ist es oft hilfreich, Misserfolge konstruktiv und – mit etwas persönlicher Distanz – analytisch zu betrachten. Auf diese Weise lassen sich nicht nur unnötige „Schäden“ am Selbstwertgefühl oder falsche Stigmata vermeiden, sondern man kann sogar gestärkt, mit neuen Erfahrungen und neuem Wissen aus einem Misserfolg hervorgehen – selbst dann, wenn die Analyse der Gründe für den Misserfolg einen neuen Arbeitgeber oder gar eine „Zweite Karriere“ nahelegt.

Gestärkt aus dem Scheitern zu kommen, lässt sich lernen.

F.A.Z., 12.02.2022, Beruf und Chance | Ursula Kals

Hinfallen, aufstehen, Krone richten – was ist eigentlich so schlimm am Scheitern?

Ich mag diesen Spruch nicht, weil er so tut, als sei Scheitern kein Problem und sofort überwunden. Das ist es meist nicht. Vom Scheitern, dem Gegenpol zu Erfolg, hören wir überall: der Fußballer, der am Elfmeter scheitert, der Unternehmer, der Politiker, der scheitert, gescheiterte Beziehungen bis hin zu “failed state”. Da gibt es viel Dramatisierung. Mit Scheitern verbinden wir häufig negative Selbstbewertungen. Allerdings: Die Erfahrung des Scheiterns könnte zukünftig stärker zur Normalität werden, angesichts einer Welt, in der alte Denkmuster und Prozesse nicht mehr greifen und die Dynamik der Veränderungen mit viel Unsicherheit und Risiken verbunden ist.

Sind Misserfolg und Scheitern das Gleiche?

Auch wenn es häufig als Synonym gebracht wird, mache ich als Psychologische Psychotherapeutin in der Beratung einen Unterschied. Es gibt keinen Menschen, dem alles gelingt. Schon als Kinder lernen wir über Versuch und Irrtum, so fallen wir zigmal hin, bevor wir laufen können. Man könnte sagen, Lernen und Erfolg sind das Ergebnis vieler kleiner Misserfolge. Kleinere oder größere Misserfolge gehören zum Leben, wir sollten sie in unser Leben “einpreisen”. Da kann man sich in vielen Fällen, wenn sie eintreten, darüber ärgern oder trauern und dann nach kurzer Analyse möglichst abhaken.

Wann lässt sich von Scheitern reden?

Für mich gibt es da zwei Kennzeichen. Erstens: Es handelt sich um emotional oder existenziell bedeutsame Ziele, Projekte, die nicht gelingen und für die es zum jetzigen Zeitpunkt keine zweite Chance gibt. Das zweite Kriterium ist für mich, wie die betroffene Person reagiert, wie sie die Situation erlebt. Vom Wort her meint Scheitern zerbrechen, Schiffbruch erleiden. Es kommt vom Begriff Scheit, das zerbricht, wenn das Schiff zerschellt. Analog geht es dann nicht nur um die jeweilige Situation, sondern man fühlt sich als Person angegriffen. “Ich scheitere” heißt, dass mein Bild von mir beschädigt wird, meine Erwartung an mich sowie die vermuteten oder realen Erwartungen der anderen enttäuscht, geradezu erschüttert werden.

Was löst das aus?

Alles Mögliche: Enttäuschung, Vorwürfe, Wut, die Suche nach dem Schuldigen, Scham bis dahin, sich dauerhaft ein Stigma anzuheften im Sinne von: “Ich bin ein Loser.” Aber auch Erleichterung ist denkbar. In vielen Fällen ist es eine subjektive Bewertung, wann ich etwas als Scheitern einordne: Ist es der Wechsel zum falschen Unternehmen, ist jemand meiner Einladung nicht gefolgt, hat mir die Stimme in der Präsentation versagt? Bin ich mit meinem Start-up oder Familienunternehmen gescheitert? Bin ich gefeuert worden? Sind meine Träume geplatzt? Es hilft, sich klarzumachen, was wirklich passiert ist. Ist die Situation wirklich irreversibel?

Das heißt also, was sich nach Scheitern anfühlt, ist nicht objektiv messbar?

Absolut ist es das nicht. Es ist zunächst eine subjektive Individualerfahrung. Da spielen Dinge von außen mit rein. Eine Frage lautet: Was bedeutet für mich oder mein Umfeld, erfolgreich zu sein? Ist Dabeisein ist alles, muss ich stets der Erste sein, und wenn nicht, ist das schon ein Scheitern?

Wie gehen Menschen mit Scheitern um?

Es gibt grob zwei Richtungen. Die einen haben gelernt, damit konstruktiv, lernend, analytisch auswertend umzugehen und das Erlebte, ihre Erfahrungen nach und nach in ihr Selbst zu integrieren; das heißt nicht, dass es für sie einfach ist. Und es gibt andere, für die ist Scheitern etwas, was sie massiv und dauerhaft anfasst und im schlimmsten Fall im Schlaf verfolgt. Immer wieder kommt die gleiche Geschichte hoch, läuft der gleiche Film ab. Die Situation wird immer wieder neu aktualisiert. Das sind nicht genug verarbeitete Reaktionen, die auch körperlich werden können.

Wie äußert sich dieser Stress konkret?

Dem einen schlägt es auf den Magen, dem anderen kommt die Galle hoch, Tinnitus – ich kann es nicht mehr hören. Manche werden aggressiver oder ängstlicher. Menschen reagieren auf belastende Lebensereignisse unterschiedlich. Das kann bis zum Burnout und einer Depression gehen.

Und wie kommen sie aus dieser Krise wieder heraus?

Ziel ist es, nach und nach Distanz zu dem Geschehenen zu entwickeln und draufzuschauen. Dazu gehört, die heftige Erfahrung als einen Teil der vielen Erfahrungen meines Lebens zu sehen, sie einzuordnen und daraus zu lernen. Meist geht es zunächst darum, sich “runterzudimmen”, man kann sowieso nichts mehr ändern. Selbstberuhigung ist zentral. Auch Wundenlecken hat Platz. Besprechbarkeit ist unerlässlich. In der Situation braucht man Schutz und Zuspruch. Dabei helfen Menschen, die zuhören können, von denen man sich verstanden fühlt, wo man sich zeigen kann, wie man ist. Das ist für die Bewältigung der Krise von großer Bedeutung.

Also lässt es sich lernen, mit Scheitern umzugehen?

Gründe für Scheitern sind vielfältig, sie können strukturell, organisatorisch, personell sowie durch den Zeitgeist bedingt sein. Ich kann eine tolle Idee haben, damit aber zehn Jahre zu früh sein. Später bringt sie ein anderer auf die Straße. Unabdingbar ist eine Fehleranalyse: Wie kam es dazu? Wann hätte ich es merken können? Was ist mein Anteil, was habe ich übersehen, was habe ich mir schöngeredet? War ich mir zu sicher? Habe ich andere genügend mitgenommen? Wichtig ist, nicht nur auf das negative Ende zu schauen, sondern auch auf das, was gut war.

Wenn ich das analysiert habe, wird es mir aber nicht automatisch besser gehen?

Geduld ist notwendig, wir sprechen von einem Prozess, den ich hier auch nur grob schildern kann. Neben der Einordnung gehört notwendigerweise dazu, sich verzeihen zu können. Dieser Prozess der Integration braucht Zeit, damit “Lessons learned” zum Neubeginn führen kann. Die durchgearbeitete Krise ist eine Chance zur Erweiterung der Selbstkompetenz und zum persönlichen Wachstum. Studien weisen darauf hin, dass klassische Gründer, die einmal gescheitert sind, beim zweiten Mal erfolgreicher sind. Die zweiten Ehen gelten ebenfalls als die glücklicheren. Man ist ein bisschen realistischer, schaut genauer hin. Wir gehen in Deutschland als Gesellschaft hart mit Fehlern um. So nehmen wir selbstverständlich in Kauf, dass im Rahmen von Wettbewerb und Innovationen Unternehmen insolvent gehen. Dennoch tendieren wir dazu, den Misserfolg zu personalisieren. In anderen Ländern ist es viel normaler, auch mal zu scheitern. Wichtiger ist, es versucht zu haben.

Sich den Eigenanteilen am Scheitern zu stellen klingt unangenehm.

Kann es auch sein, und es bringt mich voran. Zum Beispiel den Ingenieur, der sich bei seiner Erfindung in seiner Detailverliebtheit und Perfektion verloren und vergessen hat, den Kunden miteinzubinden. Hilfreiche Fragen sind hier: Hast du die Zwischentöne nicht gehört? Haben dich die Kunden wirklich interessiert? Weißt du, wie du auf andere wirkst? Wen hättest du hinzuziehen können, wen befragen? Nutze ich diese Erkenntnisse, weiß ich, was ich beim nächsten Mal verbessern kann.

Neigen Menschen nicht eher dazu, das zu verdrängen?

Manche tun das, ihnen ist das peinlich, sie beschäftigen sich nicht damit und attribuieren es an die anderen: “Die Umstände sind schuld”, “die Leute waren schlecht”, “mit mir hat das nichts zu tun”. Nach meiner Erfahrung trägt das selten auf Dauer. Frauen tendieren dazu, Fehler eher bei sich zu suchen, Männer eher im Außen.
Was drückt denn Menschen so nieder, wenn ihnen etwas nicht gelingt?
Das hat sowohl mit den eigenen Ansprüchen als auch mit der Angst vor Bewertung durch die anderen zu tun. In der Regel neigen wir dazu, auf andere zu projizieren, was wir selbst über uns denken. Deshalb ist es hilfreich, unsere Annahmen zu überprüfen und zu unterscheiden: Was weiß ich wirklich, was ist nur mein Kopfkino? Es ist hilfreich, andere, die mir wohlgesonnen sind und die Dinge gut einordnen können, nach ihrer Einschätzung zu fragen. Gern empfehle ich zu überlegen; Was würde ich meinem besten Freund oder der besten Freundin in der gleichen Situation sagen?

Wie fasse ich Mut, wieder loszulegen?

Indem ich das Hadern stoppe, aufhöre, mich als Loser zu sehen, mir mein Erfahrungsnetzwerk anschaue und bewusst das, was mir gut gelungen ist. Meinen Klienten sage ich oft: “Stellen Sie sich bitte vor, Sie steigen in einen Hubschrauber und schauen von oben auf Ihr Leben und die einzelnen Abschnitte!” Von oben sehen wir das Gesamte, in der Regel eine “Schatzkiste”. Ich bin nicht nur Scheitern, ich habe ein Leben, bin Partner, Vater. Mutter, ehrenamtlich aktiv, mir ist schon vieles gelungen. Worauf bin ich stolz? Also zurückgreifen auf alte vorhandene Ressourcen.

Womit sollte ich mich noch beschäftigen, damit ich nicht beschädigt werde?

Emotional und faktisch aufräumen. Wenn ich zum Beispiel Schulden habe, ist das zu regeln. Das ist jetzt nicht der Hit, aber es geht darum, abzuschließen. Nachdem ich aufgeräumt, die Krise durchgearbeitet habe, kann ich mich wieder neu aufstellen oder neu orientieren.
In Fuckup-Nights berichten junge Leute ja selbstbewusst über Niederlagen.

Vor 20 Jahren war das hier nahezu undenkbar. Man sieht, wie sehr die Bewertung des Scheiterns vom gesellschaftlichen Umfeld abhängt. In der Start-up-Szene gilt fast so etwas wie eine Kultur des Scheiterns und des Erneut-Versuchens. Doch auch diese Menschen machen das erst, wenn sie ihre Situation ein Stück verarbeitet haben. Sie sind an dem Punkt angelangt, zu sich und ihren Erfahrungen zu stehen. Grundsätzlich würde eine positive Kultur des Scheiterns, also eine gute Fehlerkultur in Deutschland, den Umgang mit Niederlagen und Fehlern vereinfachen und Erfolge unterstützen.

Das Gespräch führte Ursula Kals

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Erschienen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am 12.02.2022. Von Ursula Krals. faz.net
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