Was tun, wenn mein Chef ständig ausrastet?

F.A.Z., 14.03.2020, Beruf und Chance, Seite C2 | Ursula Kals

DIE KARRIEREFRAGE

Die Führungskraft ist aggressiv und unberechenbar wie Rumpelstilzchen. Viele Mitarbeiter reagieren hilflos. Dabei hätten sie einige Möglichkeiten.

Der Chef oder die Chefin haben keine Allüren, sondern blanke Aggression. Er oder sie poltern durch den Arbeitsalltag und raunzen jeden an, der sich bei drei nicht in sein Büro verzogen hat. In der Psychologie gibt es dafür einen noblen Begriff: mangelnde Affektkontrolle. Dabei erleben die meisten Menschen hin und wieder Situationen, die sie zur Weißglut bringen. Der Unterschied ist nur: Wer kultiviert ist, hat sich und seine Wutgefühle unter Kontrolle und versucht, sich sachlich zur Wehr zu setzen. Leider ist diese Eigenschaft keine zwingende Voraussetzung, um in eine Führungsposition zu gelangen.

Was also ist zu tun? Zeit gewinnen und auf die Meta-Ebene gehen. “Ich sehe, Sie sind gerade sehr aufgebracht, ich schlage vor, später weiterzureden, um zu einer Lösung zu kommen. Ist das möglich?” Wer sich einen solchen Satz für berufliche Notfälle fest vornimmt, der spricht ihn auch in einer Stresssituation aus. Die Berliner Psychologin Brigitte Scheidt rät: “In Situationen, in denen ich niedergemacht werde, gilt es, sich zu schützen, zum Beispiel, indem ich innerlich oder auch real aus der Situation gehe: Entschuldigen Sie, ich muss jetzt kurz den Raum verlassen. Das dann ohne Türenschlagen tun, um durchzuatmen und einen klaren Kopf zu bekommen.”

Allerdings sei ein kurzer Rückzug nicht immer ratsam und abhängig von der Hierarchie im Unternehmen. “Man muss überlegen, bei wem man was macht”, sagt die Karriereberaterin. Zu benennen, was ist, helfe in der Regel: “Darf ich fragen, was Sie gerade so ärgert?” Denn wer fragt, führt. Die Psychotherapeutin empfiehlt: “Ich bleibe sachlich, möglichst respektvoll, biete das Gespräch an und versuche, es von der starken Emotionalität auf eine Sachebene zu führen.”

Der Münchener Sozialpsychologe Dieter Frey rät, während des Wutanfalls in Deckung und innerlich auf Distanz zu gehen. “Machen Sie sich klar, dass der andere ein armer Kerl ist. Solche Gedanken helfen”, erklärt der Professor. Ein Klassiker aus dem Verhaltenstraining: Vor dem geistigen Auge einen Betonring ziehen, sich mental abschotten vor so viel Bosheit. Das hört sich an wie aus dem Esoterik-Baukasten, funktioniert aber.
Allein schon deshalb, weil der Attackierte sich auf etwas konzentriert und seinen Fokus verlagert. So etwas kann freche Chefs verunsichern. Grundsätzlich ist es nicht ratsam zurückzubrüllen. Denn auch wenn der Blutdruck hochschießt und der Geschmähte innerlich vor Zorn über Verbalinjurien kocht, wirkt es souveräner, nach außen die Ruhe zu bewahren. Wer schreit, der hat beileibe nicht immer unrecht, aber er wirkt zumindest häufig so.

Flegel inszenieren ihre Attacken gerne vor Publikum und kommen sich dann heldenhaft-chefmäßig vor. Auch hier hilft eine klare Ansage: In diesem Ton nicht und nicht in diesem Rahmen! Es ist ratsam, das zunächst im Einzelgespräch klar zu formulieren, sagt Brigitte Scheidt: “Ich bin offen für Kritik, aber ich möchte mich so nicht behandeln lassen. Ich erlebe das Zusammenschreien als nicht respektvoll. Das macht es mir schwer, noch mehr Engagement in die Arbeit zu stecken.”

Das ist für Akademiker auf Augenhöhe praktikabel, aber nichts, was dem gedemütigten Einzelhandelsazubi weiterhilft, wenn der Ausbilder ihn vor der Kundschaft herunterputzt. Mit dieser Situation haben schon Schüler tagtäglich zu tun, auch in Zeiten, in denen Prügelpädagogik verachtet wird. In so gut wie jedem Lehrerkollegium gibt es schwierige, angsteinflößende Charaktere. Kollege T., der vor zweieinhalb Jahrzehnten im Schwäbischen die Schulbank gedrückt hat, berichtet von einem Lateinlehrer, der lobte zunächst die Sprachkenntnisse der Klassenbesten und rief dann süffisant auf: “Jetzt hören wir uns mal den Stotterer an.”

Oder der Mathelehrer aus dem Rheinland, der diejenigen, die schon der niederen Mathematik wenig abgewinnen konnten, brüllend beleidigte, weil sie es “nicht wert sind, dieselbe Luft wie ich zu atmen”. Heute wird das kopfschüttelnd und einigermaßen abgeklärt erzählt, mitleidig wird von narzisstischer Persönlichkeitsstörung gesprochen. Damals duckten sich die verängstigten Kinder weg, weil ihr “Chef” ausrastete. Auch der eingeschüchterte Klassensprecher – wer mag es ihm verdenken – protestierte nicht. Gut, wenn diese verunsicherten Kinder wenigstens von der Familie aufgefangen wurden. Noch besser, wenn sie gewagt hätten, sich gemeinschaftlich gegen solche Tyrannen und ihre Eruptionen zur Wehr zu setzen oder einen verständnisvollen Lehrer ins Vertrauen zu ziehen.

Poltert der Chef ständig, oder ist nur gerade unter Druck?

Denn wer früh lernt, sich gegen himmelschreiende Ungerechtigkeit auch mit Hilfe von anderen zu stemmen, dem fällt das im Erwachsenenleben leichter. Solche Mutproben gegen jähzornige, grenzverletzende Rumpelstilzchen-Typen sind selbstverstärkend. Wer sich wehrt, besiegt sein Ohnmachtsgefühl und stärkt eine starke Ausstrahlung – es gibt selbstbewusst auftretende Menschen mit einer Art Teflon-Abwehr, die das Gegenteil von sich duckenden Opfertypen verkörpern. Wer es sportlich sehen kann: tobsüchtige Chefs immunisieren fürs Leben. In beruflichen Konstellationen genau hinzuschauen bietet Vorteile: Ist der Chef jemand, der ständig lospoltert, oder steht der aktuell unter Druck, und sein explosiver Ausraster war eine Ausnahme? “Ist der ansonsten ganz okay, bietet sich ein Gespräch an”, sagt Psychologin Scheidt. “Es ist immer gut, zu schauen, wie Kollegen mit dem jeweiligen aufbrausenden Chef umgehen. Gibt es welche, die es nicht trifft, was machen die anders?”

Wer erkennt, was für ein Cheftyp vor ihm steht, kann sich darauf einstellen, solange er sich nicht grundsätzlich verbiegen muss: Will der Vorgesetzte knappe Lageberichte, ist er von ausführlichen Erklärungen genervt? Wer das durchschaut und entsprechend bedient, verbiegt sich nicht und arbeitet angenehmer. “Was braucht der, damit ich mehr Freiraum und Möglichkeiten habe?” Das sei eine Überlegung wert, rät Scheidt. “Launenhaftigkeit und Primadonnen gibt es leider in allen Bereichen und in deren Folge auch Leute, die die Sekretärin fragen: Wie ist er denn heute drauf?” Lasse sich das Gespräch an einem schlechten Tag nicht vermeiden, helfe es nachzufragen: Ich habe ein Anliegen, sind Sie heute offen dafür? Sind die Ausraster hingegen Standard, sei eine andere Strategie angeraten. “Dann wende ich mich an den nächsten Vorgesetzten oder ziehe einen Mediatoren hinzu, den manche Unternehmen anbieten”, sagt Scheidt. Es kann auch helfen, den Betriebsrat einzuschalten.

Manchmal hilft nur noch, die Stelle zu wechseln

Herr des Verfahrens bleiben, nicht in der Opferrolle oder der des Beobachters verharren, das rät auch Psychologe Frey. “Das Allerwichtigste ist, dass man ein Netzwerk bildet, um solchen Führungspersonen Einhalt zu gebieten.” Wenn es anderen auch so gehe, gelte es, gemeinsam Stärke zu demonstrieren und anzudeuten: Chef, mäßige dich, sonst bricht hier demnächst die Palastrevolution aus!

Sich Verbündete zu suchen hat noch einen anderen, nicht zu unterschätzenden Grund, betont Frey. “Es ist verheerend, wenn solche Choleriker möglicherweise zu Vorbildern für den Führungsnachwuchs werden.” Sich das Leben von einem Choleriker schwermachen zu lassen, lehnt der Wissenschaftler energisch ab. “Man muss ihn isolieren. Und man muss selbstbewusst rüberbringen, dass bestimmte Dinge einfach vollkommen indiskutabel sind.”

Einfach ist das nicht. “Anfälle von Tobsucht auf der Top-Management-Ebene seien nicht selten, beobachtet Therapeutin Scheidt. “Das kann System haben. Es gibt Menschen, die ihre Autorität darüber ausleben, dass alle, auch gestandene Manager, Angst vor ihnen haben. Das sind Leute, die oft sehr charmant und freundlich sein können vor Fremden beziehungsweise zu denen, von denen sie was wollen, etwa Kunden oder Vorgesetzte. Kritik und Widerspruch von Untergebenen erleben sie oft als In-Frage-Stellung ihrer Person und Rolle, was nicht sein darf.” Betroffene können im Extremfall gegen Beleidigungen juristisch vorgehen, “die eigentliche Frage lautet: Welchen persönlichen Preis bin ich bereit zu zahlen?”

Was aber tun bei Sadisten, die sich daran ergötzen, andere herunterzumachen? Niemand heilt einen solchen Charakter mit antrainierten Standardsätzen. Ist eine Situation so verfahren, ist es Zeit, sich die These zu vergegenwärtigen: Love it, change it or leave it. Mit dem Lieben, das hat sich für einen normal empfindenden Menschen erledigt. So einen Chef liebt niemand, der keine masochistischen Neigungen hat, den achtet keiner, der wird eher verachtet. Ihn zu ändern dürfte schwierig sein. “Auf Dauer macht eine Atmosphäre, die von Druck und Angst geprägt ist, krank”, warnt Scheidt. Um einem Choleriker zu entgehen, bleibt mitunter nur der Weg, die Stelle zu wechseln und kritisch zu prüfen, ob man nicht vom Regen in die Traufe gerät.

Ein Gedanke, der das Durchhaltevermögen stählen kann: Warum gebe ich einem einzelnen Menschen, in diesem Fall dem brüllenden Chef, so eine Macht über mein Leben und mein Befinden? Warum überschattet der Ärger meine freie Zeit, zerpflügt meinen Schlaf? Sollte in diesem Kontext ein Jobwechsel anstehen, ist ein Aspekt elementar: über den wahren Beweggrund schweigen. Der neue Chef und die anderen Personalverantwortlichen kennen den Bewerber nicht. Ärger mit dem alten Chef – das klingt verdächtig nach Ärger mit dem zukünftigen Chef. Dann also lieber von einer “neuen Herausforderung” sprechen.

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